Weihrauch als Parfüm

Alter Duft, neu entdeckt

Als Sinnbild für die Anwesenheit Gottes und des Heiligen Geistes war Weihrauch lange Zeit der Kirche vorbehalten. Dabei teilt es sich seinen Ursprung mit Parfum. Immer mehr Menschen wollen jetzt so riechen.

29.02.2016, von Quynh Tran , Frankfurter Allgemeine Zeitung

Ein kleines Labor hinter einer Galerie im Berliner Bezirk Schöneberg. Nach Jahren als Parfümeurin in Paris kredenzt Marie Le Febvre hier Düfte für Privatkunden und für ihre Linie Urban Scents. Bis auf eine Wand, an der sich über 300 dunkelgrüne Apothekerflaschen und Tiegel reihen, wirkt es – wie es in Labors eben so üblich ist – eher kalt. Doch als Le Febvre den ersten Spritzer ihrer Kreation „Singular Oud“ auf die Haut sprüht, wird es warm in dem steril anmutenden Raum.

Es kommt ein intensiver holziger Geruch auf, der von einer zitronigen Note abgelöst wird und im Nachgang nach Weihrauch riecht, als würde sich gerade der Reichtum des Orients mit einer westlichen Modernität vermischen. „Es ist ein bisschen wie Kochen“, schmunzelt die Parfümeurin. „Manchmal kann man das ganze Rezept durch die Variation einiger weniger Zutaten komplett verändern.“

Draußen mag es gelegentlich schon nach Frühling riechen. Aber hier drinnen duftet es trotzdem nach einer der markantesten Parfum-Noten dieser Tage – nach dem schweren, warmen Weihrauch. Immer mehr Menschen wollen so riechen, und das ganz unabhängig von kalten Tagen oder der Adventszeit.

Droge gegen schlechte Gerüche

Das japanische Avantgarde-Modehaus Comme des Garçons hat die Omnipräsenz von Weihrauch in der japanischen Tempelkultur zum Anlass genommen, eine ganze Serie von „Incense“-Parfums zu schaffen. Auch neuere Dufthäuser greifen für kantige Zusammensetzungen auf den alten Stoff zurück: Jo Malone hat jetzt mit „Incense & Cedrat“ eine frische Version von Weihrauch herausgebracht.

Das Nischenhaus Morph hat mit „Nudo“ einen ungewöhnlichen Duft kreiert, der nach eigener Beschreibung gleichzeitig heilig und profan sein soll (was immer das heißen mag). Mad et Len, junge Pariser Parfümeure, deren Produkte man vornehmlich in Concept-Stores findet, haben ebenfalls einen Weihrauch-Duft. Und das Haus Goti, das mit der florentinischen Pharmazie Santa Maria Novella zusammenarbeitet, hat für sein Konzeptparfum „Smoke“ Weihrauch als Hauptbestandteil genommen.

Gut möglich, dass sich unsere Sinne langsam an den schweren Duft gewöhnen. „In den vergangenen zwei Jahren gab es einen großen Oud-Trend“, erzählt Le Febvre über den intensiven Duft, für den Öl aus dem Harz des Adlerbaums gewonnen wird. „Oud könnte in gewisser Weise ein Vorbote für andere orientalische Ingredienzen sein, zum Beispiel für Weihrauch.“ Obwohl, so räumt die Parfümeurin ein, „Weihrauch neben Myrrhe eines der ältesten Parfums ist und schon immer da war“. Wenn auch kaum in der Form wie heute, in Flakons, die in kleinen Badezimmerschränken in Großstadtapartments stehen, auf der Haut von Menschen, die als letzten Schliff des eigenen Stilempfindens sehen, wie sie riechen.

In der Erinnerung des Abendlandes war der heilige Rauch als Sinnbild für die Anwesenheit Gottes und des Heiligen Geistes lange Zeit der Kirche vorbehalten, für Messen und als Meditationshilfen für Mönche. Aber seine Geschichte ist sehr viel älter und teilt sich den Ursprung mit Parfum, auch etymologisch gesehen. Das englische „incense“ und das französische „encens“ leiten sich von „in censum“ ab, was so viel bedeutet wie „verbrannt“ oder „verglüht“. „Per fumus“ übersetzt sich in „durch den Rauch“ – ursprünglich wurde Duft demnach durch Verbrennen geschaffen. In Sprachen wie Altgriechisch oder Chinesisch gibt es sogar nur ein Wort, das Duft, Parfum und Weihrauch beschreibt.

Auch die Ursprungsorte sind gleich: der Nahe Osten, Indien, Ägypten. Schon vor 4000 Jahren entstand die Weihrauchstraße als eine der ersten Handelsrouten der Welt, um das Harz von den Weihrauchbäumen aus seiner Ursprungsregion im heutigen Oman in den Jemen zu transportieren, nach Hedschas, Gaza und Damaskus. In ganz Vorderasien, aber auch in Indien und um das Horn von Afrika finden sich jahrtausendealte Relikte.

So hat man in der großen Cheopspyramide Tempelweihrauch gefunden, ebenso wie im Sarkophag Tutanchamuns zur Mumifizierung. Die Königin von Saba soll ihn als Parfum benutzt haben und Hippokrates, um eine Plage aus Athen zu vertreiben. Weihrauch wurde nicht nur für rituelle Zwecke genutzt, sondern auch als Heilmittel, als psychoaktive Droge, zur Verdeckung schlechter Gerüche – und war damit den französischen Parfums um Jahrtausende voraus.

Günstiger Rohstoff

Angesichts dieser Geschichte ist es also beinahe verwunderlich, dass der rauchige Duft, der wie kaum ein anderer die Gegensätze von Verführung, Heiligtum, Vergänglichkeit und Zeitlosigkeit in sich vereint, erst in der Moderne – und besonders seit wenigen Jahren – wieder wichtiger wird.

Für Parfums wird in der Regel ätherisches Weihrauchöl verwendet, das aus dem Harz destilliert wird. Dabei unterscheidet sich das klassische, arabische Öl mit seinem balsamisch-süßlichen Duft vom indischen Öl, das frischer riecht. Mit einem Preis von etwa 150 bis 200 Euro pro Kilo ist es als Rohstoff für Parfums sogar verhältnismäßig günstig. Zum Vergleich: Echtes Oud kostet bis zu 30.000, Rosenessenz bis zu 10.000 Euro pro Kilo.

Größeren Parfumhäuser mit Weihrauchdüfte

Schon 1933 wurde im Hause Creed mit „Angelique Encens“ eines der ersten modernen Weihrauchparfums kreiert – passenderweise für die enigmatische Verführerin Marlene Dietrich. Bis es aber markttauglich wurde, sollten noch einige Jahrzehnte vergehen. Denn erst mit Calvin Kleins „Obsession“, Etros „Messe de Minuit“ und Serge Lutens „Encens et lavande“ wurde Weihrauch in den achtziger und neunziger Jahren für ein größeres, wenn auch noch immer kein Massenpublikum, tauglich.

Der intensive, warme Duft von Weihrauch ist, wie Whisky mit seinen vielen Geschmacksschattierungen, noch immer eine Art Liebhaberstück für die Nase, für das nun immer mehr einen Sinn entwickeln. Meist ist der Duft opulent, warm und rauchig und duftet lange intensiv nach – in orientalischen Variationen. In Kombination mit blumigen oder zitrusartigen Noten wirkt er hingegen schon fast wieder frisch. Serge Lutens etwa greift immer wieder auf Weihrauch zurück, vor allem bei Düften, die er als etwas sehr Persönliches sieht und die ihn an seine eigene Vergangenheit erinnern, wie in den vergangenen Jahren „De Profundis“, „L’Orpheline“ oder „L’Incendiare“.

Auch bei den größeren Parfumhäusern finden sich Weihrauchdüfte in den höherpreisigen Editionen, wie etwa bei Cartiers „L’Heure Mystérieuse XII“, Annick Goutals „Les Orientalistes Encens Flamboyant“ oder Armani Privés „Bois d’Encens“, das für den Designer Giorgio Armani eine Erinnerung an seine katholische Kindheit in Italien ist.

Mittlere Osten vor China

Gemeinsam haben diese Düfte nicht nur ihre Opulenz, sondern auch, dass sie fast alle für Männer und Frauen gleichermaßen geschaffen wurden, weil sich der Weihrauch in der Basis so schön an den Träger anpasst. So passen die Düfte wunderbar in den nicht enden wollenden Unisex-Trend, der von der Wahl des gleichen Uhrenmodells für Männer und Frauen, über die Mode bis in die Schönheit reicht.

Und weil Weihrauch so alt und zugleich neu und international bekannt ist, somit Orient und Okzident verbindet, kann man es vielleicht sogar als eine Art olfaktorische Lingua franca sehen. Denn natürlich räumen viele Dufthäuser jetzt schweren, rauchigen Parfums so viel Platz ein, weil gerade ein paar Westeuropäer so riechen wollen, sondern auch weil die Araber, ein nicht unerheblicher Teil der Klientel teurer Parfums, diese ebenfalls bevorzugen.

„Der Einfluss orientalischer Gerüche hat sich in den vergangenen Jahren immens vergrößert, auch, weil der arabische Raum zu einem der größten Märkte für Luxusparfums geworden ist“, erzählt Le Febvre. Wegen der wirtschaftlichen Entwicklung in Asien liegt der Mittlere Osten bei Luxusdüften sogar noch vor China.

Sehnsucht nach dem heiligen Duft

Aber dass besonders Weihrauch jetzt als Duft wieder populär wird, lässt sich womöglich auch mit unserer Sehnsucht nach etwas Beständigem erklären: „Vielleicht suchen die Menschen immer mehr nach etwas, das eine Geschichte hat, und das hat Weihrauch“, sagt Le Febvre.

Doch auch dieser Rohstoff – so wie die meisten Rohstoffe der Luxusindustrie – ist durch äußere Faktoren bedroht: Laut einer Studie der niederländischen Universität Wageningen könnte sich der Bestand von Weihrauchbäumen im Mittleren Osten und um das Horn von Afrika in den kommenden 50 Jahren um 90 Prozent verringern – durch Feuer, durch Schädlinge und nicht zuletzt durch die intensive Beerntung der Bäume. Wahrscheinlich wird gerade das aber die Sehnsucht nach dem heiligen Duft umso mehr beflügeln.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung  , http://www.faz.net/aktuell/stil/parfums-mit-weihrauch-duft-werden-zum-trend-14081840.html#GEPC;s30

Marie Le Febvre :

https://nl.linkedin.com/in/marie-le-febvre-6a07bbab ,

https://www.facebook.com/marie.lefebvre.357

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